Ausdauernde Liebe


Ich habe mich daran gewöhnt, die erste Stunde meiner Tage mit dem Herrn zu verbringen. Eines Morgens, früh beim Beten hörte ich eine klare Anweisung. Ich sollte meine Nachbarn für ein Abendessen zu mir einladen. Meine erste Reaktion war nach dem Motto, es wird nicht klappen, aber um dem Herr es zu beweisen, stimmte ich zu. Ich war mir sicher, alle werden die Einladung ablehnen. Also schrieb ich jedem Einzelnen eine Karte mit Frage nach einem möglichen Termin. Ich kannte alle meine Nachbarn aus dem 2. Stock, wir redeten ab und zu kurz miteinander.  Nur eine einzige Person hatte ich noch nie getroffen: einen Mann, der in der Wohnung in der anderen Ecke der Etage lebt.  In 4 Jahren hatte ich noch nie jemanden aus der Wohnung oder in die Wohnung gehen sehen. Ich überlegte kurz, ob es nicht gefährlich ist, jemanden, den ich gar nicht kenne, in meine Wohnung einzuladen.  Aber letztendlich werde ich nicht alleine mit ihm sein, also gut.

Also stell dir mal vor meine Überraschung vor, als dieser Mann als erster antwortete. Er schrieb, er würde sehr gerne kommen, er würde sich mit dem Termin sogar an andere anpassen. Die anderen akzeptierten die Einladung auch, nur ein junges Paar lehnte die ab, weil sie viel zu tun hatten. Also legten wir den Termin fest und ich gab mir viel Mühe in der Küche (für diejenige, die mich nicht kennen,  heiβt das für mich mehr als 20 Minuten mit einer Speise zu verbringen). Als erster kam der „fremde“ Mann. Er sah freundlich aus, war um 50 Jahre alt. Dann kam die ältere verwitwete Dame – schick gekleidet wie für einen Oper-Besuch, sie trug Stöckelschuhe und einen wunderschönen Schal. Wenn ich Zeit gehabt hätte, hätte ich meine Jeans und T-Shirt sofort umgezogen. Die anderen kamen dazu und ich fühlte mich zuversichtlich: meine Wohnung - meine Regeln! Also fragte ich sie, ob es ok wäre vor dem Essen zusammen zu beten. Alle antworteten einstimmig mit ja! Also betete ich kurz und weil ich so aufgeregt war, machte ich eine ganze Menge grammatischer Fehler. Mein Trost war es zu wissen, dass der Herr mein Herz und nicht meine fehlerhafte deutsche Sprache hört. Also es war ok. Dann brachte ich das Essen und jemand fragte den Mann, was er beruflich macht. Er antwortete etwas, was wie Pfarrer klang. Ich war mir aber nicht ganz sicher, weil es auch (Bus)Fahrer sein konnte.  Ich wollte keine dumme Frage stellen, so wartete ich. Bis jemand fragte ob katholisch oder evangelisch, und er antwortete: evangelisch. Wie cool ist das denn!!! Ich spürte er ist irgendwann in seinem Beruf müde geworden, und er bestätigte es mit der Aussage, dass er jetzt im Moment eine neue Stelle sucht, die nichts mit Theologie zu tun hat. Im Verlauf des Abends wurde er lockerer und offensichtlich konnte er die Zeit mit den anderen genieβen. Aus einem ruhigeren Typ wurde ein leidenschaftlicher Redner, der uns viele interessante Geschichten von seinen vorherigen Jobs im Bestattungsinstitut und im Flüchtlingscamp erzählte.

Wir tauschten uns alle aus, erzählten wie wir leben, was wir glauben, wie unsere Kämpfe aussehen. Ich realisierte, wie viel besser ich sie kenne, wie viel besser ich für sie auch beten kann. Sie gingen erst nach Mitternacht. Die ganze Zeit spürte ich Gottes Gegenwart im Wohnzimmer, ich konnte sehen und hören wie Gottes geliebte Kinder zusammes Spaβ hatten, wie sie es genießen konnten zusammen zu quatschen und zu lachen. Gott hat sich darüber gefreut.

Ein paar Tage danach ist es mir aufgefallen, dass Gott diesem Pastor explizit sagen wollte, dass Er bei ihm ist in jeder Situation, dass Er ihn nicht verlassen oder vergessen hat und dass Seine Liebe real und unaufhaltsam ist. Ich war durch Seine Ausdauer, Treue und Güte tief berührt. Gott wird nie aufhören, sich nach dir zu sehnen. Egal wohin du gehst, Er wird auf dich schon da warten, egal was du tust, Er ist bereit dich Schritt für Schritt leiten. Es erinnerte mich an den Refrain eines Lobpreisliedes namens Reckless Love - Gewagte Liebe: Es gibt keinen Schatten, der Du nicht aufleuchtest,  keinen Berg, den Du nicht besteigst, um mir nah zu sein. Es gibt keine Mauer, die Du nicht eintrittst, keine Lüge, die Du nicht zerstörst, um mir nah zu sein.          

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